Senioren Servicedienste Köln e. V. – Kölner FriedhofsMobil


Rheinische Post: Der Begleiter der Friedhofsbesucher

erstellt am: 20.11.2021 | Kategorie(n): Presse

Von Marei Vittinghoff

Alle vier Wochen besucht Doris Redeligx die Gräber ihres Mannes und ihres Sohnes. Allein schafft sie das nicht. Godehard Bettels, seit fast 20 Jahren Fahrer des Kölner Friedhofsmobils, bringt sie darum hin.

Das elektrische Licht auf dem Grab ihres Mannes brennt noch, aber Doris Redeligx tauscht es trotzdem aus. Sie hat sich doch extra dafür einen Termin gemacht. Auf dem flachen Stein auf dem Erdboden vor ihr steht nicht viel. Aber was dort in Großbuchstaben eingraviert wurde, genügt. Es ist sein Name. Darunter sein Leben in Zahlen. Hans Redeligx. 1928–2017. „Mein Mann und ich“, sagt sie, „das war eine Verbundenheit, die hat man selten.“ Das erste Mal haben sie sich beim Tanzen getroffen, da war sie 17. Die Band, die zu ihren Schritten spielte, bestand aus seinen Schulkameraden. Nach seinem Tod, sagt Redeligx, war die Einsamkeit nicht groß, sondern sehr groß. An seinem Grab steht sie mit ihrem Rollator zumindest nicht allein.

Godehard Bettels ist an ihrer Seite. Er fährt sie zum Friedhof, immer wenn Doris Redeligx mal wieder einen Termin gemacht hat, also etwa alle vier Wochen. Bettels ist Fahrer des Kölner Friedhofsmobils, seit fast 20 Jahren schon. Er bringt Menschen, die es allein nicht mehr schaffen, zu den Gräbern ihrer Angehörigen. Dann holt er sie kostenlos von zu Hause ab, montags bis freitags, und fährt sie mit einem grauen Renault direkt bis an den Grabstein. Bettels – 56 Jahre alt – hat dafür eine Ausnahmegenehmigung. Redeligx fährt seit rund einem Jahr mit.

„Ich freue mich jedes Mal auf die Fahrt“, sagt sie. „Es gibt ja Leute, die sagen, tot ist tot. Aber ich muss die Gräber besichtigen. Zumindest kurz, um mein Gewissen zu beruhigen. Beten kann ich für die beiden dann auch zu Hause.“ Redeligx, die in diesem Jahr 90 geworden ist, meint ihren Mann und ihren Sohn Reiner. Auch er liegt auf dem Westfriedhof begraben. Er ist im Jahr 2007 gestorben. Ganz plötzlich. Herzinfarkt am Steuer. Ein paar Passanten, sagt sie, haben noch versucht, ihn wiederzubeleben. Godehard Bettels, der mit seinem grünen Parka und den schwarzen Schuhen aussieht, als käme er geradewegs von einem Waldspaziergang, wird sie auch zu seinem Grab fahren. „Er ist immer pünktlich, wenn er mich abholt. Ich warte dann schon draußen auf den Wagen“, sagt Doris Redeligx.

Vor zwei Jahren ist sie aus ihrem Haus in eine Senioreneinrichtung gezogen. Besser so, sagt sie. Denn wenn man alleine lebt und immer im Kopf hat, ob die Heizung in Ordnung ist und die Dachrinne sauber, dann ist man immer in Alarmbereitschaft, wenn es mal klopft oder tropft. Nur der Weg von der Einrichtung bis zum Westfriedhof, der sei jetzt immer wie eine Weltreise. Und jedes Mal ein Taxi? „Da hätte ich schon astronomische Summen bezahlt.“ Mit Bettels sei es persönlicher. Vor dem Grab ihres Mannes stehen sie nun nebeneinander. Bettels hält eine grüne Plastiktüte in seiner Hand. Darin eine Schale mit Blumen. Redeligx hat im Laden vor dem Friedhof noch schnell zwei Stück gekauft. Eine für Hans und eine für Reiner. „Wie immer“, hat sie zu der Verkäuferin gesagt und die Blumen genau gleich bestellt. „Ich bin ein gerechter Mensch, ich mache keine Unterschiede, nur etwas Blühendes dabei, bitte.“ Bettels hat sie nach dem Einkauf wieder von der Eingangstür abgeholt. Ob er denn noch den Weg bis zum Grab kenne, hat sie ihn im Auto gefragt. „Ich habe ein Gedächtnis wie ein Sieb, aber den Weg habe ich mir eingeprägt.“

Godehard Bettels wollte eigentlich immer zeichnen. Er studierte Kunst in den Niederlanden, hatte Aufträge als Buchillustrator. Fürs Leben gereicht hat es nicht. Das Arbeitsamt machte ihn darum vor 20 Jahren auf eine Stellenanzeige aufmerksam: Fahrer für Senioren und Menschen mit Gehbehinderung gesucht. Am Anfang, sagt Bettels, sei es schon merkwürdig gewesen. Da werde man eingestellt, um Auto zu fahren. Und dann sei man so was wie Chauffeur, Friedhofsgärtner und Seelsorger gleichzeitig.

„Tschüss, Hans“, sagt Redeligx und geht mit ihrem Rollator auf den Wagen zu. Sie ist nun bereit für das zweite Grab. Bettels fährt mit dem Friedhofsmobil bis zu einer Fläche mit vielen kleinen Rechtecken. Das Urnengrab ihres Sohnes liegt in der siebten Reihe. Redeligx nimmt wieder eine Schale mit Blumen und ein elektrisches Grablicht mit. Danach ist sie mit ihrer Runde fertig, und Godehard Bettels bringt sie zurück zur Senioreneinrichtung. Sie wollen sich in vier Wochen wieder verabreden.

„Mein Mann und ich haben fast die ganze Welt zusammen gesehen“, sagt Redeligx später in ihrem Zimmer. Neuseeland, Mexiko, Japan. Da hat man immer genügend Gesprächsstoff. „Als er gestorben ist, war ich so erschöpft, ich habe nur noch geschlafen. Ich gehe gerne auf Leute zu, darum habe ich auch jetzt keine Langeweile. Aber die Trauer hat man immer im Herzen.“

Unser Fahrplan zu den Friedhöfen:

Wir fahren Sie von Montag bis Freitag (9.00 – 17.00 Uhr) zu allen 59 Friedhöfen im Kölner Stadtgebiet.

Auch für Interessenten aus Pulheim und Bergisch Gladbach.