Senioren Servicedienste Köln e. V. – Kölner FriedhofsMobil


Rubrikenmarkt: Von der Haustür bis hin zum Grab

erstellt am: 14.06.2019 | Kategorie(n): Presse

Der Senioren Servicedienst Köln e. V. bietet Menschen ab 65 Jahren ein Friedhofsmobil an, das kostenlos genutzt werden kann

Es ist 9.28 Uhr als Godehard Bettels mit seinem grauen Renault Kangoo am Wendehammer des Alpenroderwegs in Lindweiler ankommt. „Friedhofsmobil“ steht in dunkelblauen Buchstaben auf dem Kastenwagen geschrieben. Die Leute sollen eben wissen, um was es sich bei dem Fahrzeug des Senioren Servicedienst Köln e. V. handelt. Bernhard Joachimsky muss das niemand mehr erklären. Der 88-Jährige nutzt das kostenlose Friedhofstaxi bereits seit fünf Jahren. Er weiß auch: Bettels ist stets pünktlich. Deswegen verlässt der Rentner seine 100 Quadratmeter große Erdgeschosswohnung am Morgen des 2. April bereits um 9.29 Uhr, eine Minute vor dem vereinbarten Termin.

Abholung vor Ort
Die Begrüßung fällt herzlich aus. Denn Bettels ist mehr als ein Fahrer. Er ist für seine Kunden da, fungiert als Grabpfl eger und Seelsorger. Er lebt für seinen Job, das merken die Menschen. Joachimsky vertraut sich ihm an, spricht offen. „Ich habe meine Hörgeräte heute nicht dabei“, sagt er beim Gang zum Auto. „Sie müssen also heute etwas lauter sprechen.“ Doch die Kommunikation der beiden klappt gut, auch ohne die Hilfstechnik. Ohnehin: Der 88-Jährige fi ndet sich zurecht, trotz einer Bypassoperation vor zwölf Jahren und einer erst im Januar durchgeführten Behebung eines Arterienverschlusses im linken Bein. Nur einen Gehstock hält er zusammen mit einer Stofftasche einer örtlichen Apotheke in der linken Hand. Der Inhalt: eine Gedenkkerze für seine vor sechs Jahren verstorbene Frau Hildegard.

Fahrt innerhalb der Anlage
Nach einem kurzen Plausch geht die 3,5 Kilometer lange Tour um 9.34 Uhr los. Zwar ist Joachimsky trotz seines gehobenen Alters noch gut zu Fuß, doch die Fahrt mit Bettels ist für ihn eine enorme Erleichterung. Eine Busfahrt wäre eine große Anstrengung, aufgrund der Sturzgefahr zudem ein gewisses Risiko. Eine Alternative wäre das Taxi. Doch damit ist die Anfahrt nur bis zum Friedhofseingang möglich. Bettels wiederum hat die Erlaubnis, mit seinem Fahrzeug direkt bis ans jeweilige Grab heranzufahren. So kommt er mit Joachimsky bereits zehn Minuten nach der Abfahrt an den Bestattungsgärten des Friedhofs Chorweiler an. Traurig wirkt der Rentner nicht, eher gefasst. So, als hätte er den Tod seiner Frau bereits verarbeitet. Vor sechs Jahren starb sie an Krebs, wodurch die 56 Jahre andauernde Ehe des Paares endete.

Jederzeit behilflich
Am Grab angekommen, hält er einige Sekunden inne. Dann greift er in seine schwarze Stofftasche, die Grabkerze soll ausgetauscht und angezündet werden. Ein Vorhaben, das Joachimsky nur schwer umsetzen kann. Bettels hat die Situation aber antizipiert. Er geht dem 88-Jährigen direkt zur Hand. In sich kehren will Joachimsky danach nicht nochmals. Vielmehr sucht er das Gespräch mit Bettels, der aufmerksam zuhört. „Ich habe meine Frau 1952 kenngelernt, 1956 haben wir geheiratet“, sagt Joachimsky, der sich gerne an die Zeit zurückerinnert, als seine beiden Töchter noch klein waren. „Früher haben wir mit den Kindern gerne Fahrradtouren gemacht. Es war eine schöne Zeit.“

Schöne Gestaltung
Nachdem der Rentner für einige Minuten in Erinnerungen geschwelgt hat, kehrt er gedanklich wieder zurück in die Gegenwart. Ihm fällt auf, dass umliegende Gräber mit einem Blumenkübel verziert sind. Ob er Ähnliches auch auf seinem Grab anbringen darf? Joachimsky ist sich nicht sicher, er zweifelt. Doch Bettels ist ihm erneut behilflich. Der Fahrer des Friedhofsmobils leitet das Anliegen weiter und erhält prompt eine Antwort: Einen Blumenkübel auf dem Grab seiner Frau aufzustellen, ist selbstverständlich erlaubt. Für Joachimsky eine schöne Nachricht. Zum Abschluss blickt er nochmals über die Anlage. Er bewundert die liebevoll gestalteten Bestattungsgärten an diesem Aprilvormittag. Die Blumen, Sträucher, Hecken und Bäume wirken auf ihn diesem Moment besonders eindrucksvoll. Von der Sonne angestrahlt erscheinen sie in einem besonderen Licht. Ohne sich viel zu bewegen, wird es ihm bei zehn Grad Außentemperatur dauerhaft aber zu kalt. Nach einem 24-minüten Aufenthalt am Grab seiner Frau möchte der Rentner nun den Rückweg antreten.

Gewohnheiten eingeprägt
„Soll ich Sie wie üblich in Chorweiler absetzen?“, fragt Bettels, der die Gewohnheiten von Joachimsky längst kennt und inzwischen auf dem Fahrersitz Platz genommen hat. „Nein“, erwidert der Rentner. „Heute nicht.“ Anstatt Joachimsky zu einer nahegelegenen Einkaufspassage zu bringen, fährt Bettels ihn nach Hause. Dort angekommen, verabschieden sich die Männer. Für Joachimsky war es einmal mehr ein schöner Vormittag am Grab seiner Frau mit einem Menschen, den er aufgrund seines Einfühlungsvermögens und seiner Hilfsbereitschaft schätzt. Auch Bettels hat die Zeit genossen. Doch er muss weiter, für ihn stehen an diesem Tag noch vier weitere Touren an.

Autor: ALEXANDER BÜGE

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Einsamkeit vermeiden
Mobil zu sein ist ein menschliches Grundbedürfnis und gleichzeitig die Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Doch für viele Senioren ist dies aufgrund ihrer körperlichen Verfassung kaum oder gar nicht mehr möglich. Auch der Gang zum Friedhof kann dadurch schwierig bis unmöglich werden. Aus diesem Grund wurde der Senioren Servicedienst Köln e. V. von Josef F. Terfrüchte gegründet, der Menschen kostenlos zuhause abholt, zum Friedhof bringt und wieder zurückfährt. „Unser Ziel war es damals, mobilitätseingeschränkten Menschen den Besuch der Grabstätten ihrer Angehörigen zu ermöglichen“, sagt Terfrüchte über das Projekt, das in dieser Form deutschlandweit einmalig ist. Seine Idee durfte Terfrüchte vor zwei Wochen in Berlin bei der Veranstaltung „Einsamkeit im Alter vorbeugen – aktive Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen“ vorstellen. Organisiert wurde diese vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Von seinem Beitrag war Bund- Ministerin Franziska Giff ey angetan. Ähnliche Fahrdienste sollen möglichst zeitnah angeboten werden.

VORANMELDUNG NÖTIG

Kontaktaufnahme mit dem Friedhofsmobil

Seit 17 Jahren begleitet der Senioren Servicedienst Köln e. V. Menschen auf die 59 Kölner Friedhöfe. Finanziert wird das Projekt durch Spenden und Förderer der Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner eG. Um möglichst viele Fahrten durchführen zu können, werden montags die nördlichen (Nordfriedhof bis Worringen), dienstags und mittwochs die rechtsrheinischen (Porz bis Dünnwald), mittwochs und freitags die westlichen (Melaten bis Lövenich) und donnerstags die südlichen Friedhöfe (Südfriedhof bis Steinneuerhof) angesteuert. Anmeldungen können unter 0800/7897777 oder 0221/525658 vorgenommen werden.